Folge 3: Frischer Start

Frischer Start!

Erfahrungen aus dem Anfängerunterricht im Fach Klavier seit April 2020

 

Am schwarzen Brett im Haus der Musik hängen momentan immer noch die Zeitungsartikel über die letzten öffentlichen Konzerte und Veranstaltungen der Musikschule, allesamt aus der Zeit vor dem ersten Lockdown. So zum Beispiel auch zwei Artikel über den letzten Tag der offenen Tür, der am 11. Mai 2019 stattfand. Die Artikel sind jetzt schon vergilbt und an den Seiten eingerissen.

Der Tag der offenen Tür und das Instrumentenkarussell, gerade die Angebote, die sich an die Anfänger richten, an diejenigen, die noch auf der Suche nach dem richtigen Instrument sind, konntenim letzten Jahr nicht stattfinden.
Trotzdem haben sich in im vergangenen Jahr viele neue Schülerinnen und Schüler an den Start gewagt und sich für ein Instrument entschieden.

War es ein „frischer Start“* oder war es ein langes Warten auf das Signal "Es geht los!"*? Über diesesThema habe ich vor den Osterferien mit den Schülerinnen und Schülern, die seit dem April 2020 in meiner Klavierklasse neu angefangen haben, gesprochen.

Etienne, 7 Jahre alt, hatte seine erste Klavierstunde im Februar und hat bisher 2 Monate Unterricht. Er erzählt mir, dass er tatsächlich bei dem Tag der offenen Tür vor zwei Jahren Klavier, Gitarre und Geige selbst ausprobiert hat und anderen bei ihren Versuchen zugeschaut hat. Bei seiner Entscheidung für Klavier hätten allerdings auch noch die Kinder aus seiner Klasse, die ebenfalls Klavier spielen, eine Rolle gespielt. Eigentlich war der Unterricht als Zweiergruppe geplant, aber aktuell war dann der Einzelunterricht wegen den Abstandsregeln doch praktibler.

Ebenfalls im Februar hat Mert angefangen. Er erzählt mir, dass Verwandte von ihm ein Klavier haben.„Da habe ich mich immer wieder hingesetzt und habe eigene Lieder erfunden“ . Er sei froh, dass er jetzt auch „richtige Lieder“ gelernt habe. Beim Durchblättern seiner Noten stellen wir fest, dass er schon jede Menge Stücke gelernt hat. Aber wir wollen natürlich auch weitermachen mit dem „eigeneLieder Erfinden“. Nach der ersten Klavierstunde äußerte der 7-jährige den Wunsch, später einmal Klavierlehrer zu werden.

Schon im Sommer hatten Mattis und Max, 5 und 6 Jahre, die Musikschule „gestürmt“, sie sind über ihre Brüder, die ebenfalls in einer Zweiergruppe Klavier lernen, auf den Geschmack gekommen und kennen jetzt schon den Präsenz-und den Online-Unterricht.

Nachdem Max das Klavierstück „Mister Roboter“, sein Lieblingsstück, gespielt hat, frage ich ihn, wie er den Klavierunterricht findet. Worauf er mit einem kurzen, knappen „Gut“ antwortet. Mattis ist online zugeschaltet, meine Frage kommt bei ihm auf dem Bildschirm nicht so richtig an - „darf ich jetzt auch Mister Roboter spielen?“ fragt er, und legt gleich los inklusive dem „Knallfrosch“ als Zugabe.

„Wir sind gerade jetzt so froh, dass die Kinder den Klavierunterricht haben“ antwortet mir dafür seine Mutter. Weiter berichten mit die Mütter, dass Max den Online-Unterricht nicht so toll findet, aber besser als nichts, Mattis hingegen findet ihn „richtig gut“, wobei man dazu sagen muss, dass das Ganze ohne die familiäre Unterstützung nicht funktionieren würde.

Frida, 8 Jahre, und Paul, 6 Jahre, haben ebenfalls nach den Sommerferien angefangen. Sie sind Geschwister, was den Zweiergruppenunterricht sehr erleichtert, da sie im Präsenzunterricht hinter der Pexiglastrennwand auch an einem Instrument Platz nehmen können.

„Nein für den Zauberwald musst du die Finger anders parken“ sagt Frida und schiebt Paul's Finger aufden Tasten in die richtige Startposition. „Richtig cool“ findet Frida den Klavierunterricht. Auf die Frage, ob sie sich an die erste Klavierstunde erinnern können, wirbeln ihre Antworten durcheinander und jedem fällt auf Anhieb noch ein anderes der Lieder und Spiele der ersten Stunde ein.

War das Klavier lernen bisher leichter oder schwieriger, als sie gedacht hatten? – „Mittel“ antwortet Paul, aber er hätte gedacht, dass der Lehrer öfter schimpfen würde. „Oh je“ denke ich und erwidere, dass ich doch auch gelegentlich schimpfen würde, Paul winkt ab: da gibt es Schlimmeres! „Meistens“fährt Paul fort „setzen wir uns von alleine ans Klavier, nur manchmal muss uns unsere Mutter ans Üben erinnern“.

Am letzten Tag der offenen Tür hatte ich auch eine erwachsene Anfängerin beraten, die sich dann fürden 1. April 2020 angemeldet hatte. Als ich zu diesem Zeitpunkt den Onlineunterricht für die „Bestandsschüler“ organisierte, kam ich erst einmal gar nicht auf die Idee, diese neue Schülerin anzusprechen. Dann kam mir jedoch der Gedanke, dass es ja eigentlich unfair wäre, der neuen Schülerin nicht wenigstens das Angebot zu machen. Tatsächlich reagierte sie erst einmal skeptisch. „Die erste Stunde online? Das kann ich mir jetzt nicht so richtig vorstellen.“ „Sie brauchen sich jetzt nicht zu entscheiden, ich wollte es ihnen nur anbieten.“ Zehn Minuten später klingelte das Telefon: „Ich habe es mir überlegt, ich will das doch mal ausprobieren!“......inzwischen machen wir 1 Jahr lang Onlineunterricht, ohne uns jemals in der Realität wieder gesehen zu haben, und es funktioniert! In dem ersten Unterrichtsjahr haben wir ein beachtliches Repertoire erarbeitet. Nur ganz selten erhalte ich nach der Stunde eine Nachricht: „Von dem neuen Stück habe ich die Melodie noch nicht im Ohr, können sie mir davon noch eine Aufnahme machen?“

Für diese Kolumne habe ich Schülerinnen und Schüler interviewt, die im vergangenen Jahr, den Weg in die Musikschule gefunden haben. Fast alle hatten entweder noch am letzten Tag der offenen Tür teilgenommen oder sind durch Freunde, Klassenkameraden oder die Familie angeregt worden.

Leider gibt es sicherlich viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene , die auf Grund der besonderen Umstände nicht dazu gekommen sind, mit ihrem Wunschinstrument „durchzustarten“, weil ihnen dienötigen Anregungen gefehlt haben. Diese Gruppe zu erreichen ist für uns die momentan grösste Herausforderung!Wann wir den nächsten Tag der offenen Tür veranstalten können, kann wohl niemand mit Sicherheit sagen. Daher ist es wichtig, jetzt zu versuchen, die oben erwähnte Gruppe über alle Kanäle zu erreichen, die uns momentan zur Verfügung stehen.

Die verlorene Zeit wiegt vor allem bei den Kindern schwer! Dass bei den Erwachsenen das eine oder andere verlorene Jahr, sich wieder aufholen lässt, zeigt eine Reportage des „Weltspiegel“, die ich ihnen zum Schluss an Herz legen möchte . Es geht um eine 106-jährige französische Pianistin, die mit 80 Jahren angefangen hat CD Aufnahmen zu machen, und jetzt aktuell ihre neueste CD aufnimmt.

https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/weltspiegel/videos/frankreich-pianisten-106-jahre-video-100.html.

 

*"Frischer Start! von Fred Kern und "Es geht los!" von Jürgen Golle sind zwei Stücke aus der Unterrichtsliteratur für Klavier.

 

Musikschul Anekdoten Folge 3

Verfasser: Wolfgang Schneider, Dozent für Klavier

vhs & Musikschule Heusenstamm

Im Herrngarten 1
63150 Heusenstamm
Tel: (06104) 607-1122

vhs@heusenstamm.de
musikschule@heusenstamm.de

 

Öffnungszeiten

Montag, Dienstag, Donnerstag & Freitag von 08:00 bis 12:30 Uhr
Dienstag & Donnerstag von 14:00 bis 17:00 Uhr

Aktuell
Wir stehen für einen persönlichen Kontakt nur für unaufschiebbare Fälle und ausschließlich nach Terminvereinbarung zur Verfügung.